
Abbildung 1: Podiumsdiskussionsteilnehmer der Session „Neue Impulse an der Schnittstelle Sanierungspraxis – Grundwasserbewirtschaftung“. Von links nach rechts: Michael Reinhardt (Arcadis), Birgit Schmitt-Biegel (HIM GmbH), Thomas Track (DECHEMA, Moderator), Henner Hollert (Goethe Universität Frankfurt), Tobias Licha (Ruhr Universität Bochum), Stefan Broda (BGR).
Das DECHEMA-Symposium „Strategien zur Sanierung von Boden & Grundwasser“ in Frankfurt am Main bietet jährlich einen umfassenden Überblick über zentrale Entwicklungen der Boden- und Grundwassersanierung.
Am zweiten Veranstaltungstag rückte eine thematisch anspruchsvolle Session mit dem Titel „Neue Impulse an der Schnittstelle Sanierungspraxis – Grundwasserbewirtschaftung“ in den Mittelpunkt. Ziel war es, Entwicklungen aus der „BMFTR-Fördermaßnahme LURCH – Nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung“ daraufhin zu prüfen, wie Forschungsergebnisse in den Alltag der Altlastensanierung übertragbar sind und einen konkreten Mehrwert liefern können. Nach Impulsvorträgen aus LURCH-Projekten, brachten in der anschließenden Podiumsdiskussion Birgit Schmitt-Biegel (HIM GmbH) und Michael Reinhardt (Arcadis GmbH) als Praxisvertreter ihre Erfahrung ein und ordneten das Anwendungspotential der entwickelten Methoden ein.
Übergeordnete Herausforderungen
Die Branche steht vor einem strukturellen Wandel. Grundwasserverunreinigungen sind längst keine rein lokalen Fragen mehr. Stoffströme, Grundwasserkörper und Risiken stehen zunehmend im (über)regionalen Kontext, teilweise auch grenzüberschreitend. Gleichzeitig wächst die Zahl potenzieller Einflussfaktoren und Belastungen – nicht zuletzt durch die thermische Grundwassernutzung, wo beispielsweise durch entsprechende Bohrungen geologische Barrieren durchbrochen werden und damit Stofftransport in bisher geschützte Aquifere begünstigen können. Eine Slido-Umfrage unter den Teilnehmenden visualisierte das Meinungsbild zu den größten Herausforderungen in der Sanierungspraxis (Abb. 2), welche anschließend in die Diskussion einflossen.
Neben Finanzierungs-/Kostenaspekten und Verwaltungsprozessen sind das System- und Prozessverständnis, gerade bei persistenten Stoffen und Stoffgemischen die dominierenden Herausforderungen. Besonders hierfür wird eine belastbare Datengrundlage als unabdingbar gesehen. Eine zentrale Frage lautet daher: Welche neuen Ansätze können helfen, Sanierungen effizienter zu gestalten, Verwaltungs-/Genehmigungsprozesse zu unterstützen und damit den Kosten- und Zeitaufwand zu minimieren?
Abbildung 2: Herausforderungen in der Sanierung von Boden und Grundwasser.
Fachliche Impulse aus den LURCH-Projekten
Impulse zu diesen Herausforderungen lieferte die BMFTR-Fördermaßnahme LURCH. Nachdem das Projekt PFClean, welches die Sanierung PFAS verunreinigter Böden und Grundwässer im Fokus hat, bereits am ersten Veranstaltungstag in der entsprechenden Session vorgestellt und diskutiert wurde, kamen in der Session zur Fördermaßnahme LURCH weitere Projekte zu Wort:
Isotopenanalyse zur Systemcharakterisierung – Projekt IsoGW
Aixala Gaillard (FAU Erlangen) zeigte, wie Isotope im Grundwasser zur Prozessaufklärung beitragen können. Sie ermöglichen die Unterscheidung verschiedener Grundwasserleiter, die Bewertung der Wechselwirkungen zwischen Grund- und Oberflächenwasser sowie die Analyse von Transport- und Mischprozessen. Ein vertieftes Verständnis der Systemdynamik kann die Grundlage für realistischere und belastbare Sanierungsstrategien bilden.
Biologische Nitratentfernung in situ – Projekt NitratLurch
Adrian Seeholzer (TU München) stellte ein Verfahren vor, das mittels Methan- und Wasserstoffinjektion den biologischen Nitratabbau direkt im Aquifer anregt. Versuche aus einem Rinnenexperiment zeigen positive Ergebnisse. In der Diskussion wurde weitgehend übereinstimmend festgehalten: In-situ-Verfahren sollten stärker priorisiert werden. Klassische Pump-and-Treat-Verfahren sind angesichts Kosten, Energieaufwand und begrenzter Nachhaltigkeit in vielen Fällen nicht mehr zeitgemäß.
Effektbasierte Analytik – Projekt gwTriade
Henner Hollert (Goethe-Universität Frankfurt) präsentierte vor allem den Fortschritt bei ökotoxikologischen und effektbasierten Methoden. Damit kann nicht nur die Schadstoffbelastung eines Aquifers gemessen werden, sondern auch deren biologische Wirkung – ein entscheidender Unterschied. Besonders relevant wäre die Anwendung zur Erfolgskontrolle von Sanierungen: Funktioniert das Verfahren wirklich? Entstehen möglicherweise toxische Metabolite, die mit klassischen chemischen Messparametern gar nicht erfasst würden?
Mit moderner Einbindung von eDNA-Analysen und verbesserten Testverfahren ist die Praxistauglichkeit deutlich gestiegen, auch wenn die breite Umsetzung noch aussteht.
Prozessindikation statt Datenüberflutung – Projekt iMolch
Im Mittelpunkt steht hier ein investigatives Monitoring mit Indikatorprinzip zur Interpretation komplexer Grundwasserprozesse. Das Ziel: Nicht Datenberge, sondern belastbare Information. Viel hilft nicht viel, wenn Messprogramme nicht zielgerichtet geplant und ausgewertet werden. Ein übergreifendes Monitoring müsse klar beantworten, welche Parameter zu welchem Zweck gemessen werden und welchen Entscheidungsnutzen sie liefern.
Mangelnde Digitalisierung – ein ungelöstes Kernproblem
Bei den Impulsen der LURCH-Projekte und in der Podiumsdiskussion wurde wiederholt die in vielen Bereichen eingeschränkte Datenverfügbarkeit in Deutschland angesprochen.
So verdeutlichte Stefan Broda (BGR, Projekt KIMoDIs) beispielsweise, dass selbst aufwändig erhobene Grundwasserdaten regelmäßig nicht verfügbar sind, um die Potenziale digitaler Werkzeuge auszuschöpfen. Bestätigt wurde dies auch aus der Sanierungspraxis, wenn beispielsweise Erkundungsdaten nicht weiter aufbereitet und somit nicht digital nutzbar gemacht würden. Starke, national/regional nutzbare Datenräume als Schlüssel für Informationsgewinn statt Datenablage – eine Forderung die angesichts aktueller Herausforderungen, wie multiple Nutzungen in urbanen Räumen, steigender Belastungen und Klimawandel wichtiger denn je erscheint.
Als eine Hürde in diesem Kontext wurde der Vorbereitungsaufwand in datenintensiven Projekten identifiziert: Der Einsatz von Machine-Learning-Modellen bietet ein hohes fachliches Potential, jedoch entfallen rund 80 % der dabei notwendigen Arbeit auf die Erhebung, Aufbereitung und Homogenisierung von Daten. Nach aktueller Einschätzung werde diese Basisarbeit häufig unterschätzt und ihre Notwendigkeit nicht gesehen, woraus eine mangelnde Akzeptanz und Finanzierungsbereitschaft entstehe.
Abschließend unterstrichen die Diskutanten einhellig die Bedeutung bundesweit einheitlicher Datenstrukturen für hydrogeologische/hydrochemische Messdaten sowie einer verlässlichen digitalen und dauerhaft zugänglichen Datenhaltung für einen auch künftig erfolgreichen Umgang mit Grundwasserverunreinigungen und eine nachhaltige Grundwasserbewirtschaftung.
Leitfäden und Handlungsempfehlungen aus der praxisnahen Forschung
Zur praktischen Nutzbarmachung der Forschungsergebnisse werden in LURCH u.a. Leitfäden und Handlungsempfehlungen erarbeitet. Tobias Licha erläuterte, dass beispielsweise einer dieser Leitfäden künftig die Auswahl geeigneter Monitoringstrategien, angepasst an die jeweilige Aufgabenstellung, ermöglichen soll. Zugleich berichtete Henner Hollert, dass gerade der Triade-Ansatz mit einer klaren Priorisierung auch schon im Ausland vielversprechende Ergebnisse erzielt werden.
Birgit Schmitt-Biegel und Michael Reinhardt bewerteten die vorgestellten Ansätze positiv, machten jedoch deutlich, dass Praxistauglichkeit nicht automatisch aus wissenschaftlicher Weiterentwicklung entsteht. Die Nutzer solcher Leitfäden und Methoden sollten frühzeitig eingebunden und informiert werden. So lassen sich einerseits Anforderungen aus regulatorische Rahmenbedingungen, Genehmigungs- und Umsetzungspraxis einbinden und andererseits der Praxistransfer unterstützen.
Möglich wird dies durch einen strukturierten Austausch, beispielsweise mit dem ITVA (Ingenieurtechnischer Verband für Altlastenmanagement und Flächenrecycling), um sicherzustellen, dass Empfehlungen verständlich, anwendbar und fachlich belastbar sind. Dem Vernetzungs- und Transfervorhaben LURCHplus kommt hier eine tragende Rolle zu.
Fazit
In der BMFTR-Fördermaßnahme LURCH entstehen aus Sicht der Boden- und Grundwassersanierungspraxis eine Reihe innovativer Ansätze mit hoher Praxisrelevanz. Eine Session-begleitende Befragung (Abb. 3) der Teilnehmenden des DECHEMA-Symposiums unterstreicht diese Erwartungshaltung: Das größte Innovationspotenzial wird klar in Verbesserungen des Datenmanagements gesehen (38%), gefolgt von alternativen In-situ-Sanierungsverfahren (34%). Effektbasierte Methoden (8%), indikatorbasiertes Monitoring (12%), stabile Isotope (4%) und der Einsatz von KI (4 %) werden ebenfalls als relevant eingeschätzt, aber offensichtlich eher als Bausteine innerhalb dieser übergeordneten strukturellen Hebel.
Entscheidend wird jedoch sein, ob diese Entwicklungen Eingang in die Praxis finden. Ohne übergreifende Netzwerk- und Transferunterstützung und den Dialog mit der Anwendung bleibt das Risiko, dass Produkte und Lösungen aus der Forschung nicht in ausreichendem Umfang in die Sanierungspraxis gelangen.
Die Session machte deutlich: Forschung und Praxis müssen enger zusammenarbeiten und brauchen hierfür geeignete Plattformen, wenn Innovationen im Sanierungsalltag Wirkung entfalten sollen.
Abbildung 3: Innovationspotentiale mittels LURCH Methoden.
Am 24. und 25. November 2025 traf sich die Fachwelt zur inzwischen 27. Ausgabe des Symposiums „Strategien zur Sanierung von Boden & Grundwasser“ in Frankfurt am Main. Veranstaltet von der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e. V., bot die zweitägige Fachtagung erneut einen umfassenden Überblick über aktuelle Herausforderungen, Forschungsergebnisse und praxisnahe Lösungsstrategien in der Altlastensanierung.
In verschiedenen Themenblöcken präsentierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Behörden, Ingenieurbüros und Wirtschaft neue Ansätze zur nachhaltigen Sanierung und Nutzung von Boden und Grundwasser. Ein besonderer Fokus lag in diesem Jahr auf natürlichen Abbauprozessen (MNA/ENA), innovativen PFAS-Sanierungstechnologien sowie der integrierten Nutzung kontaminierter Grundwasserleiter etwa im Wärmemanagement.
Die Diskussionen zeigten deutlich, dass Sanierungsstrategien immer stärker in übergeordnete Themen wie Klimawandel, Energieeffizienz und Ressourcenschutz eingebettet werden müssen. So widmete sich eine der zentralen Podiumsrunden der Klimaresilienz und den konkurrierenden Nutzungen in urbanen Wasserkreisläufen. Der zweite Tag stellte mit Beiträgen zu KI-gestütztem Monitoring, Isotopenanalytik und innovativen Sorptionsmaterialien die wachsende Bedeutung digitaler und materialtechnischer Innovationen heraus.
Begleitet wurde das Symposium von einer umfangreichen Fachausstellung sowie einer Poster-Session, die Raum für vertieften Austausch und Netzwerken bot.
Mit seiner inhaltlichen Breite und thematischen Tiefe festigt das Symposium seinen Ruf als zentrale Austauschplattform der Sanierungsbranche im deutschsprachigen Raum – und liefert wichtige Impulse, um den Schutz von Boden und Grundwasser weiter voranzubringen.
Auch im kommenden Jahr wird das DECHEMA-Symposium „Strategien zur Sanierung von Boden & Grundwasser“ fortgeführt. Die Veranstaltung findet am 23. und 24. November 2026 statt, die Beitragseinreichung ist bis zum 7. Mai 2026 geöffnet. Eine Teilnahme bietet die Möglichkeit, aktuelle Entwicklungen der Sanierungspraxis kritisch zu verfolgen und den fachlichen Austausch aktiv mitzugestalten.
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